indien als arbeitsmittel #3
vikram seth hat einen roman über klassische musik geschrieben, und ich habe ihn gelesen, in der hoffnung, mir ein wenig von seinem umgang mit diesem schwierigen sujet abschauen zu können. da der roman überhaupt nichts mit indien zu tun hat, kann lediglich in seiner darstellung des gegenwärtigen europas ein rückschluss auf indien gezogen werden.
oder besser gesagt: einen kleinen teil indiens, der in seiner säkularität nicht die zustimmung breiter gesellschaftlicher kreise hat. das buch, 1999 im englischen original erschienen und im folgenden jahr mit deutscher übersetzung bedacht, trägt den titel "verwandte stimmen". es erzählt eine geschichte von verlust und leiden, gehört also zum genre hiobsliteratur.
im zentrum der handlung steht der musiker michael (natürlich ein geiger), der sich mit seinem lehrer überwirft und damit die chance auf eine karriere als gefeierter solist vergibt, gleichzeitig seine große liebe - die pianistin julia - verliert und dann sein leben als ensemblespieler fristen muss. die frau hingegen verliert ihr herz an einen andren mann und ihre karriere aus den augen, und weil's noch nicht reicht, verliert sie auch noch ihr gehör (zum ausgleich hat sie immerhin ein kind) . als geiger und pianistin sich nach zehn jahren erneut begegnen, verlieren sie keine zeit und steigen miteinander ins bett. und wer hätte das gedacht, sie machen wieder gemeinsam musik. allerdings verliert michael bei einem auftritt so richtig die nerven, bleibt bis zum ende des buches verwirrt, verliert die frau endgültig.
und das ganze buch hindurch wird kräftig gelitten. leiden kann man gern mal im traum: vikram seths protagonisten träumen ständig, niemals was schönes - aber sie reden darüber. weil diese träume nun so gar nicht die handlung nach vorn treiben, kann man wunderbar seiten und kapitel überblättern, ohne etwas zu verpassen. traum- statt werbepause sozusagen. hinzu kommen ungereimtheiten: personen werden im rahmen der handlung flüchtig ohne zusammenhang ein- und ausgeführt, oder der leser darf rätseln, ob julia nun "bloss" tinnitus hat, oder doch taub ist.
ist der rätselgeber vikram seth oder seine übersetzterin anette grube?
im titel beginnt das rätsel: "verwandte stimmen" heisst im original "an equal music". kleine etymologie der übersetzung: bücher werden überwiegend von frauen gelesen, frauen mögen romantik, platonische liebe usw. ;-)) und weil frauen sowas mögen, sagt man einfach, im roman dreht sich's um eine romantische liebe, da ist musik drin, also herzens-/seelenverwandtschaft, fertig mit "an equal music", und der buchmarkt ist bedient.
der verdacht, die übersetzerin anette grube habe sich dichterische freiheiten genommen, wird durch eine reihe von merkwürdigkeiten verstärkt. so "wirklicht" es im roman in mir unbekanntem ausmass: ach wirklich, nein wirklich, wirklich, wirklich nicht, nicht wirklich. oder die pianistin darf eine ganze seite lang nach ihrem "baby" sehnsucht haben, immer "mein baby". das "baby" ist sechs, sieben jahre alt. oder die feststehende wendung "artist & repertoire manager" wird übersetzt, etwas inkonsequent mit "musiker & repertoire manager". als ich das las, dachte ich, swatch müsste eigentlich schwuhr heißen ...
im krassen gegensatz dazu steht anette grubes feinsinniger umgang mit sprachspielen und wortneuschöpfungen, von denen es im roman nur so wimmelt. wie geht das zusammen? warum sollte man sich so ein buch zulegen?
weil es gut aussieht im buchregal. und wenig kostet bei wohlthat, jokers oder zweitausendeins. man kann bei partys mit seinen kenntnissen in sachen klassischer musik glänzen. tatsächlich ist die darstellung von musik im roman meisterlich, die töne sind quicklebendig, rennen, verstecken sich, geraten aus der puste. vikram seth gibt ihnen die dynamik, die er seinen figuren häufig vorenthält. sehr einfühlsam wird das problem taubheit angegangen. indem sich der roman alltäglichen situationen im leben hörgeschädigter menschen zuwendet, entwickelt er eine buchstäbliche wahrhaftigkeit, die den leser anrührt und ergreift.
wenn dies vikram seths ziel war, dann hat er es erreicht - allen fährnissen zum trotz.
oder besser gesagt: einen kleinen teil indiens, der in seiner säkularität nicht die zustimmung breiter gesellschaftlicher kreise hat. das buch, 1999 im englischen original erschienen und im folgenden jahr mit deutscher übersetzung bedacht, trägt den titel "verwandte stimmen". es erzählt eine geschichte von verlust und leiden, gehört also zum genre hiobsliteratur.
im zentrum der handlung steht der musiker michael (natürlich ein geiger), der sich mit seinem lehrer überwirft und damit die chance auf eine karriere als gefeierter solist vergibt, gleichzeitig seine große liebe - die pianistin julia - verliert und dann sein leben als ensemblespieler fristen muss. die frau hingegen verliert ihr herz an einen andren mann und ihre karriere aus den augen, und weil's noch nicht reicht, verliert sie auch noch ihr gehör (zum ausgleich hat sie immerhin ein kind) . als geiger und pianistin sich nach zehn jahren erneut begegnen, verlieren sie keine zeit und steigen miteinander ins bett. und wer hätte das gedacht, sie machen wieder gemeinsam musik. allerdings verliert michael bei einem auftritt so richtig die nerven, bleibt bis zum ende des buches verwirrt, verliert die frau endgültig.
und das ganze buch hindurch wird kräftig gelitten. leiden kann man gern mal im traum: vikram seths protagonisten träumen ständig, niemals was schönes - aber sie reden darüber. weil diese träume nun so gar nicht die handlung nach vorn treiben, kann man wunderbar seiten und kapitel überblättern, ohne etwas zu verpassen. traum- statt werbepause sozusagen. hinzu kommen ungereimtheiten: personen werden im rahmen der handlung flüchtig ohne zusammenhang ein- und ausgeführt, oder der leser darf rätseln, ob julia nun "bloss" tinnitus hat, oder doch taub ist.
ist der rätselgeber vikram seth oder seine übersetzterin anette grube?
im titel beginnt das rätsel: "verwandte stimmen" heisst im original "an equal music". kleine etymologie der übersetzung: bücher werden überwiegend von frauen gelesen, frauen mögen romantik, platonische liebe usw. ;-)) und weil frauen sowas mögen, sagt man einfach, im roman dreht sich's um eine romantische liebe, da ist musik drin, also herzens-/seelenverwandtschaft, fertig mit "an equal music", und der buchmarkt ist bedient.
der verdacht, die übersetzerin anette grube habe sich dichterische freiheiten genommen, wird durch eine reihe von merkwürdigkeiten verstärkt. so "wirklicht" es im roman in mir unbekanntem ausmass: ach wirklich, nein wirklich, wirklich, wirklich nicht, nicht wirklich. oder die pianistin darf eine ganze seite lang nach ihrem "baby" sehnsucht haben, immer "mein baby". das "baby" ist sechs, sieben jahre alt. oder die feststehende wendung "artist & repertoire manager" wird übersetzt, etwas inkonsequent mit "musiker & repertoire manager". als ich das las, dachte ich, swatch müsste eigentlich schwuhr heißen ...
im krassen gegensatz dazu steht anette grubes feinsinniger umgang mit sprachspielen und wortneuschöpfungen, von denen es im roman nur so wimmelt. wie geht das zusammen? warum sollte man sich so ein buch zulegen?
weil es gut aussieht im buchregal. und wenig kostet bei wohlthat, jokers oder zweitausendeins. man kann bei partys mit seinen kenntnissen in sachen klassischer musik glänzen. tatsächlich ist die darstellung von musik im roman meisterlich, die töne sind quicklebendig, rennen, verstecken sich, geraten aus der puste. vikram seth gibt ihnen die dynamik, die er seinen figuren häufig vorenthält. sehr einfühlsam wird das problem taubheit angegangen. indem sich der roman alltäglichen situationen im leben hörgeschädigter menschen zuwendet, entwickelt er eine buchstäbliche wahrhaftigkeit, die den leser anrührt und ergreift.
wenn dies vikram seths ziel war, dann hat er es erreicht - allen fährnissen zum trotz.
